Wenn ich als Ordnungscoach Wohnungen betrete, habe ich jedes Mal das Gefühl, in eine kleine eigene Welt einzutauchen. Jede Wohnung erzählt ihre eigene Geschichte, durch ihren Grundriss, ihre Möbel, und vor allem durch die Menschen, die darin leben.

Sobald mehr als eine Person unter einem Dach wohnt, treffen ganz automatisch unterschiedliche Bedürfnisse, Prägungen und Erwartungen aufeinander. Das liegt in unserer Natur. Wir bringen alle unsere Biografien mit ins gemeinsame Zuhause, unsere Herkunft, unsere Erfahrungen mit Raum, Ordnung, Sicherheit oder Chaos. Manche von uns haben gelernt, dass Räume möglichst leer und aufgeräumt sein müssen, andere verbinden Wohligkeit mit Dingen und sichtbarer Präsenz.

Manchmal stehen hinter diesen Unterschieden nicht nur Geschmacksfragen, sondern tieferliegende Lebenserfahrungen:
Phasen von Mangel oder Überfluss, Gefühl von Enge oder Freiheit, Momente der Kontrolle oder des Kontrollverlusts.
All das lebt, oft unbewusst, in unseren Wohnräumen weiter.


Ordnung ist nicht immer Reduktion

In genau solchen Coachings geht es oft nicht darum, einfach Dinge loszuwerden oder starre Systeme einzuführen.
Vielmehr stellt sich eine zentrale Frage:

Was brauchen die einzelnen Menschen, um sich in ihrem Lebensraum wirklich zu Hause zu fühlen?
Ordnung entsteht nicht primär durch weniger Dinge, sondern durch Räume, die unsere inneren Bedürfnisse widerspiegeln.
Das kann sehr unterschiedlich aussehen:

  • Für die einen bedeutet Ordnung klare Linien, geschlossene Schränke und strukturierte Abläufe.

  • Für andere bedeutet sie Lebendigkeit, Sichtbarkeit und spontane Flexibilität.

  • Manche sehnen sich nach Rückzug und Ruhe, andere nach Gemeinschaft und Nähe.

Schön ist, wenn Räume all diese Bedürfnisse ausbalancieren dürfen – so wie das Leben selbst.

Zusammenziehen – ohne darüber zu sprechen?

Überraschend oft ziehen Paare, Freund:innen oder Wohngemeinschaften zusammen, ohne vorher offen über solche Themen zu sprechen. Dabei geht es nicht nur um Stilfragen, sondern um Grundverständnisse des Miteinanders.

Fragen, die dabei helfen können, lauten etwa:

  • Was bedeutet „Ordnung“ für mich – und was für dich?

  • Wie viel Sichtbarkeit oder Privatsphäre wünschen wir uns?

  • Welche Räume sollen gemeinschaftlich sein, welche ganz individuell?

  • Wo endet Dekoration – und wo beginnt das Gefühl von Überforderung?

Das gemeinsame Zuhause entsteht sonst „aus dem Bauch heraus“ – manchmal zufällig, manchmal überfordernd. Und Konflikte sind dann fast unvermeidlich.

Mein Tipp aus der Praxis: 
Setzt euch wirklich bewusst zusammen, bevor ihr die Möbel schiebt oder die erste Kiste packt. Diese Gespräche schaffen Klarheit – und verhindern, dass kleine Unterschiede später zu großen Reibungen werden.

Inspiration aus der Literatur: Glücklich zusammen wohnen

Ein Buchtipp, der mich zu diesem Thema nachhaltig beeindruckt hat, ist „Glücklich zusammen wohnen“ von Barbara Perfahl. Sie beschreibt darin sehr anschaulich, wie unterschiedlich Menschen Räume erleben, und was geschieht, wenn Bedürfnisse unausgesprochen bleiben.

Besonders faszinierend finde ich ihren Begriff der „dritten Haut“:
Unser Zuhause ist mehr als ein funktionaler Ort. Es ist Schutz, Ausdruck unserer Persönlichkeit, Rückzugsort und Bühne unseres Alltags.

So wie Kleidung (unsere „zweite Haut“) etwas über uns verrät, zeigt auch unser Zuhause, wer wir sind oder sein möchten. Diese Perspektive ist für meine Arbeit als Ordnungscoach enorm wertvoll: Sie verdeutlicht, dass Ordnung immer auch emotional ist und dass äußere Strukturen nur dann nachhaltig wirken, wenn sie zu den inneren passen.

Ordnung entsteht im Zusammenspiel

Ein harmonisches Zuhause entsteht selten allein. Oft ist es das Ergebnis von Zusammenarbeit, nicht nur zwischen den Menschen, die darin leben, sondern auch zwischen verschiedenen Fachrichtungen.

Je nach Situation kann es sinnvoll sein, Unterstützer:innen dazuzuholen, etwa:

  • Entrümpler:innen, wenn große Mengen oder emotionale Altlasten im Raum stehen.

  • Feng-Shui-Expert:innen, wenn Energie und Raumwirkung ins Gleichgewicht kommen sollen.

  • Wohnpsycholog:innen, wenn tieferliegende Themen sichtbar werden.

  • Inneneinrichter:innen, um ästhetische und praktische Bedürfnisse zu vereinen.

Als Ordnungscoach verstehe ich mich oft als verbindendes Element zwischen all diesen Bereichen, als Brücke zwischen Mensch, Raum und Alltag.

 

Mein Fazit:

Ein harmonisches Zuhause beginnt nicht im Schrank, sondern im Gespräch.
Es entsteht, wenn wir uns mit unseren Bedürfnissen auseinandersetzen – mit Offenheit, Respekt und Neugier für die Sichtweisen der anderen.

Manchmal braucht es dafür einen neutralen Blick von außen, einen Impuls oder eine klärende Frage. Denn echte Ordnung ist mehr als nur Struktur – sie ist eine Form von Beziehungspflege: zwischen uns, den Menschen, und den Räumen, die uns tragen.